Onan onanierte
Wer den unmißverständlichen Wortlaut der Bibel einfach mal neutral liest, bemerkt auf Anhieb, daß Onans Vergehen nicht darin bestand, daß er Hand an sich legte, sondern daß er beim Geschlechtsverkehr nicht intravaginal in seine zweite Frau ejakulierte, was heute als koitus interruptus bekannt ist. Genauer war sein beanstandetes Vergehen nicht einmal das, sondern bestand darin, daß er, nach der damaligen Auffassung, die angezeigte Ehe mit der Witwe seines Bruders nicht rechtmäßig vollzog. Sein Delikt ist kein sexuelles, sondern ein soziales. Die Witwe seines Bruders, deren Eltern und Verwandte und die Gesellschaft hatten, den damaligen Normen zufolge, das Recht, darauf zu bestehen, daß sie mit Onans erster Hauptfrau gleichgestellt behandelt würde, wozu auch das Zustandekommenlassen von Nachwuchs gehörte. Onans Verhalten machte sie statusgemäß zur Konkubine und war daher aus ihrer Sicht entwürdigend. Der Bibel ging es hier (wie so oft) um angemessenes Sozialverhalten -- und nicht um sexuelle Tabuisierungen und Verbote.
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Kommentare zu diesem Ammenmärchen (Kommentar schreiben)
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fuchsbaby hat am 01. November 2002 um 19:20 Uhr geschrieben:
Exzellent
Exzellenter Artikel. Dabei ist anzumerken: Mit Onans Geschichte wird das religiöse Onanieverbot begründet. Aber nicht aus sexuellen Gründen (Wollust oder sowas), sondern - wie du es sagst - aus sozialen. Dem potentiellen Kind wird sozusagen das Lebensrecht verweigert, was wiederum mit dem Gebot "seid fruchtbar und vermehrt euch" zusammenhängt. (Möglich daß Christen das anders sehen. Ich weiß es nicht.)
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Holger hat am 01. November 2002 um 20:42 Uhr geschrieben:
Eine Riesenkluft zwischen der Sinngeschichte und ihrem nachträglich eingegebenen Sinn
ob die Geschichte Onans überhaupt mit sexuellen (und dazu zähle ich auch die Perspektive der Reproduktion) Intentionen Einzug ins Alte Testament fand, ist mir ziemlich zweifelhaft. Die Geschichte selbst gibt dafür keinen Anhaltspunkt. Vielmehr macht sie den Eindruck, den Verstoß gegen die damals gängigen Sozialnormen zu geißeln. Die Witwe des Bruders wurde auf gröbste Weise entehrt, was den Zusammenhalt der Familien- und Gemeinschaftsbande schwer belastet haben dürfte. Das scheint ihr Kern zu sein.
Die Problematik der Wollust dagegen scheint mir ein wesentlich späteres Phänomen (ich mutmaße mal, aus der Zeit der Reformation und Gegenreformation) zu sein. Davor war das Verhältnis der Kirche dazu noch erheblich entspannter. Das Lebensrecht der ungeborenen Kinder dagegen erscheint mir ein noch späterer Gedanke zu sein. Zuvor waberte in den kirchlichen Köpfen der heute geradezu bizarr anmutende Gedanke herum, daß jeder fehlgegangene "Schuß" einen, später, nach der Entdeckung der Spermien, gar potentiell Millionen nie getaufter "Homunkuli" darstellten, die deshalb direkt dem Reich des Teufels zukämen. Seine Heerscharen auf diese Weise mit Nachschub zu versorgen, war natürlich eine überaus schröckliche Sünde, hat aber mit der Geschichte von Onan nun überhaupt nichts mehr zu tun. In ihr ging es lediglich darum, daß er die Witwe seines Bruders durch sein Verhalten nicht als potentielle Mutter seiner Kinder akzeptierte und sie daher bestenfalls den Rang einer Konkubine, nicht aber den der Hauptfrau hatte. Das war Onans Vergehen.
Da die Witwe in der extrem schwachen Lage war, das entweder hinnehmen zu müssen oder aber als schutz- und rechtlose Witwe ihr in der damaligen Gesellschaft vorstellbar bedrückendes Dasein zu fristen, zeigt sich hierin die damals ausgesprochen humane Intention der Bibel, gesellschaftliche Normen zu bilden und zu sichern, die dem Schutzlosen und Bedürftigen ein Minimum an Sicherheit gäben. Im Vordergrund stand also einstmals Schutz und Hilfe mit durchaus bedeutsamer weltlicher Ausrichtung, nicht Restriktion und Dogmatik.
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Flying-Simon hat am 02. November 2002 um 23:48 Uhr geschrieben:
Wunderwahr
Cooler Eintrag, echt super-sachlich und informativ aufgearbeitet!
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Frank hat am 13. November 2002 um 08:15 Uhr geschrieben:
Ammenmärchen?
Moin,
Schuldigung, habe diese Seite
noch nicht so häufig besucht,
kenne also noch nicht alle Aspekte, vielleicht ist ja uach irgendwo ein Gedankenaustauschteil oder so. Meine Frage ist: Was hat die Interpretation oder
sinnlogische Betrachtung
und Erklärung eines
Bibelteils mit einem
Ammenmärchen zu tun?
Nichts desto Trotz:
Sehr interessant!
F.
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Meru hat am 15. November 2002 um 10:53 Uhr geschrieben:
nix Christen - Juden
Onans Vergehen scheint zwifacher Natur: er läßt seinen Samen aktiv (!= bewußt ) auf die Erde fallen anstatt ihn in das Weib, das entsprechende Gefäß zu geben. Damit widersetzt er sich dem bekannten göttlichen Gebot. Gleichzeitig schwächt er die zahlenmäßige "Schlagkraft" des Volkes Israel - immerhin ein Haufen von Halbnomaden in einem Überlebens- und Landnahmekampf. Beide Aspekte fallen also zusammen.
Die Vorstellung des Konkubinats oder gar entstehender Homunkuli sind den Autoren unbekannt. Gleiches gilt für die Rechtsvorstellung auf Leben.
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Holger hat am 18. November 2002 um 20:43 Uhr geschrieben:
Frank und Meru
@ Frank: Das Ammenmärchen steckt im Wort "Onanieren", das so tut als habe Onan das getan (und wäre deshalb verdammungswürdig), was dieses Wort bezeichnet. Hat er aber nicht.
@ Meru: Die Homunkuli-Theorie hat natürlich bei den Autoren des Alten Testaments keine Rolle gespielt. Sie war eine spätere Erklärung für das Verdammungswürdige und Sündhafte an Onans Vorgehen.
Wie weit Überlegungen der Bevölkerungsstärke hinter der Betonung des schlechten Beispiels Onan stehen, weiß ich natürlich nicht (weil das höchstens spekuliert werden kann), doch halte ich es für wenig wahrscheinlich. Der Kontext deutet nicht darauf hin, daß gegen den Aspekt der Familien(größe)planung polemisiert wurde, sondern eher gegen den der Kontrolle wer Mutter werden durfte. Fälle, in denen individuelle Vorstellungen (und entsprechende Maßnahmen im allgemeinsten Sinne, d.h. auch schlichte passive Enthaltsamkeit) von der Anzahl der Familienmitglieder von irgendeiner Obrigkeit diskreditiert und geahndet wurden, sind mir aus der Zeit vor der Rentendebatte schlicht unbekannt.
Für die Behauptung, den Autoren des AT sei die Vorstellung des Konkubinats unbekannt gewesen, würde mich einmal ein Beleg interessieren. Das Volk Israel stünde, falls dem tatsächlich so wäre, recht einsam in der Kulturgeschichte der Menschheit da...
Daß das Recht auf Leben sicher keine Rolle spielte, habe ich schon erklärt.
In der Überschneidung zur jüdischen Tradition, die im AT sicherlich von größter Wichtigkeit ist zu kennen, liegt bei mir leider die eine oder andere Kenntnislücke. Nur, soweit ich mich entsinne, hatte Moses dem Volk Israel die Gebote Gottes (man verzeihe die Albernheit:) heruntergeholt. Es waren derer zehn. Keines darunter betraf Fragen der Vermehrung. Sollte es doch ein solches geben, würde ich annehmen, daß es sich nicht um ein "bekanntes göttliches Gebot" gehandelt haben kann, sondern ein unbekanntes. Mutmaßlich um ein bis heute unbekanntes...
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Pariser hat am 03. Januar 2003 um 15:41 Uhr geschrieben:
verhütung
das ist ja quasi eine (wenn auch zweifelhafte) methode der empfängnisverhütung. und diese ist laut der bibel eine sünde.
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holger hat am 05. Januar 2003 um 01:36 Uhr geschrieben:
Sünde?
Zeig mir doch bitte mal die Stelle in der Bibel, wo angeblich steht, daß Verhütung eine Sünde sei...
-- Auch das (in der Bibel stünde, Verhütung sei nicht erlaubt) ist ein altes Ammenmärchen.
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Starleigh hat am 02. Mai 2011 um 01:43 Uhr geschrieben:
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buy microsoft visio 2003 hat am 19. Oktober 2011 um 21:59 Uhr geschrieben:
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Religionslehrer hat am 01. Februar 2012 um 14:15 Uhr geschrieben:
Onan vollzog in der bekannten alttestamentarischen Geschichte keine Selbstbefriedigung (das wurde erst viel später von Medizinern, Pädagogen, Philosophen und Kirchenvätern so interpretiert), sondern Coitus interruptus, also Empfängnisverhütung. Er wollte seinem verstorbenen Bruder und dessen Witwe keine Nachkommen hinterlassen und nicht die Leviratsehe (Schwagerehe) eingehen. Damit verstieß er gegen die jüdische Sitte und das Gebot Gottes und wurde für diesen Ungehorsam von Gott mit dem Tode bestraft.
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